Henkerhaus – Lass d`Narra raus

Zum 90. Geburtstag: „Handläufer“ und „Clon“ 

Ähnlichkeiten mit Miss Sophie´s 90. Geburtstag – „Dinner for One“ – gibt es nur insofern, als dass beide Anlässe mit viel Freude, Geselligkeit und Humor verbunden sind. Die Narrenzunft „Henkerhaus“ feiert also in diesem Jahr ihren 90. Geburtstag. Ohne großes Narrentreffen, ohne „Pauken und Trompeten“ aber mit unwahrscheinlich viel Freude über die Wiederbelebung von „Handläufer“ und „Clon“. Damit verbunden die Aufnahme dieser Fasnetsfiguren durch die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte e.V. (VSAN) als weitere Maskengruppe der Zunft. In der Zunftfamilie sind jetzt also Vogel- und Blumennarr, Kardelhannes, Zunftrat, Büttel, Handläufer und Clon vereint.  

Zu sehen sein werden Handläufer und Clon ab sofort bei Narrentreffen der VSAN, Narrensprüngen in der Nachbarschaft und natürlich beim eigenen Narrensprung am Fasnet-Samstag in unserem „Fut la boi“. Übersehen werden kann er kaum, denn seine stattliche Größe von über 2,50 Meter macht ihn weithin sichtbar!

Doch wo kommt der Handläufer her? Welche Bewandtnis hat es mit ihm?

Ein kleiner Rückblick auf 90, ja sogar über 100 Jahren Fasnet in Baienfurt zu machen, ist mit Zeitzeugen leider nicht mehr möglich. Da sind schon Aufschriebe, Bilder, Zeitungsberichte, Dokumente mündliche Überlieferungen unerlässliche Grundlage. Weißt du noch, wie´s damals war – vor 100 Jahr??? – Nein?

Dann blicken wir doch einmal zurück in die Vergangenheit.

Schriftliche Belege über das Fasnetstreiben aus der Anfangszeit der Gemeinde Baienfurt gibt es nicht, da die Gemeinde erst 1848 also vor rund 180 Jahren zur selbständigen Schultheißerei geworden ist. Vorher gehörte sie, wie auch die Nachbargemeinde Baindt, verwaltungsmäßig zum „Amt um Altdorf“ – dem heutigen Weingarten. Aus diesem Grunde ist aber anzunehmen, dass Baienfurt bei seiner Verflechtung zum Kloster Weingarten alle Feste und Feiern mit dem Hauptort „Altdorf“ mitmachte. Ebenso waren ja alle Gebote und Verbote zur „Vasenacht“ auch für den kleinen Nachbarn gültig.

Von nach 1900 wissen wir durch mündliche Familienüberlieferungen, dass schon 1912 und 1913 kleine Straßenumzüge mit Wagen gemacht wurden; vermutlich schon mit Beteiligung der benachbarten Plätzlerzunft Altdorf-Weingarten. So wird beispielsweise berichtet, dass von den Bürgern Bitterwolf, Prinz und Sättele ein Karussell gebaut worden ist, das auf einem Wagen mit Ochsengespann montiert war.

In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts waren es dann wiederum die Plätzler aus Altdorf-Weingarten, die mit ihrem Fasnetsbutzarößle zum Fasnetverkünden nach Baienfurt kamen – wohl eine Fortführung der schon immer bestehenden „Abhängigkeit“ zum Ort und Kloster Weingarten. Seit dieser Zeit bestehen auch sehr enge, freundschaftliche Beziehungen zwischen den beiden Zünften.

Ein aus dem Jahr 1927 stammendes „Narrenblättle“ führt die Reihenfolge eines Narrensprunges auf, der 20 Gruppen, die im Wesentlichen von örtlichen Vereinen zusammengestellt wurden, umfasste.     

1936 tat sich dann eine Gruppe von Baienfurtern mit der löblichen Absicht zusammen, eine Fasnet für Kinder aufzubauen. Karl Bitterwolf, Baptist Sättele, Paul Schreiber und Karl Merk waren die Initiatoren. Sie veranstalteten einen Umzug durch Baienfurt und führten ein für damalige Verhältnisse wichtiges Requisit mit: Den Kanonenwagen! Von diesem Wagen wurden Wecken und Orangen geschossen und Würste an Angeln dem närrischen Volk zum Fangen neckisch feilgeboten, die man Tage vorher bei den Lebensmittelhändlern, Metzgereien und Bäckereien eingesammelt hat. Angler und Kanoniere trugen den „Clon“. Wenn auch in der heutigen Zeit keine Not mehr besteht, so ist der Kanonenwagen, der in jedem Jahr den Schluss des Narrensprunges in Baienfurt ziert, für die Jugend ein absoluter Anziehungspunkt!

In Anlehnung an den rheinischen Carneval wurde auch im „Henkerhaus“ 1938 wieder ein „Prinz“ vorgestellt, eine Zeiterscheinung, die sich ja im Übrigen in vielen Narrenzünften vollzog. Neben dem Prinzen Carneval gab es natürlich eine Heerschaar von „Clons“, wie man sie in Baienfurt genannt hat. Ob sich in der Zeit vor dem 2. Weltkrieg die „Handläufer“ bereits in der Öffentlichkeit gezeigt haben, kann heute nicht mehr mit Sicherheit gesagt werden. Nachfragen und Suche nach Bildern oder Dokumenten blieb bisher erfolglos.

Sicher ist jedoch das Auftreten des „Handläufers“ durch Berichterstattung in der Schwäbischen Zeitung 1952 und den folgenden Jahren bis ca. 1958, dann verliert sich seine Spur.

Diese Spur nehmen wir jetzt gerne wieder auf und haben uns als Ziel gesetzt, ca. 5 dieser „Handläufer“ wieder in die Baienfurter Fasnet zu integrieren. Sie sind sicher eine Kuriosität innerhalb der schwäbisch-alemannischen Fasnet und dürften sowohl bei Narren als auch innerhalb der Bevölkerung mit Freude aufgenommen werden. Begleitet werden sollen sie von max. 20 der eingangs erwähnten „Clons“.      

Die Maske des Handläugers wird aus Pappmasche in Eigenarbeit hergestellt und bemalt. Das Untergestell aus einer Alu-Konstruktion mit notwendigen Lederriemen gefertigt, das Clon-Häs ist aus Baumwollstoff mit farbenfrohen Mustern, die sich in die Farbenpracht unserer Blumenhäser einfügen bzw. diese ergänzen, genäht. Voraussichtlich wird es max. 3 Farbvarianten geben, damit „Handläufer“ und „Clon“ als Häser der Narrenzunft zweifelsfrei erkannt und zugeordnet werden können.

Abschließend die große Frage: Wie kam nun dieser „Handläufer“ zu den Clons nach Baienfurt?

Leider lässt sich ein dokumentierter Nachweis nicht finden. Weder in den seinerzeit sehr spärlich geführten Protokollen ist etwas zu finden, noch in den Archiven der Gemeinde oder der Zeitung.

Der Oberschwäbische Anzeiger (die heutige Schwäbische Zeitung) berichtet in den 30er und 40er Jahren zwar regelmäßig über fastnächtliches Geschehen in Weingarten und Ravensburg. Der „kleine“ Nachbar Baienfurt wurde bis auf bezahlte Anzeigen zu Fasnetveranstaltungen der Gastronomie leider nur selten erwähnt.

Eine Erklärung bzw. Vermutung ist, dass der Ideengeber der Figur des Handläufers ein Katalog der Firma E. Neumann & Co., Dresden, Fabrik von Costümen für Carneval und Theater aus dem Jahr 1890 gewesen sein könnte. In diesem wird ein „Clown auf Händen laufend“ angeboten.

Woher auch immer: Er ist wieder unter uns – der Handläufer und er wird die Fasnet in „Klein Paris“ bzw. „Fut la boi“ bereichern, da bin ich mir sicher!

Henkerhaus, lass d´Narra raus!

Artur Kopka

Ehrenzunftmeister und Kulturbeauftragter

Vorstellung bei der Hauptversammlung der VSAN in Wangen am 10. Januar 2026